Kurzer Tourenbericht zu einer Begehung der Grandes Jorasses Nordwand im Mai 2009.
Die Grandes Jorasses Nordwand (Chamonix) zählt zu den drei großen Nordwänden im Alpenraum. Alex (Blümel) und ich interessierten uns schon seit einiger Zeit für diese imposante Wand, doch die Verhältnisse waren im letzten Sommer und Winter nie wirklich gut für eine Durchsteigung, auch das persönliche Können war noch nicht ausreichend für diese anspruchsvolle Tour. Doch in diesem Winter sollte es endlich klappen. Laut anderen Bergsteigern hatte sich endlich wieder genug Eis gebildet und die Bedingungen sollten recht ordentlich sein.
Unser Ziel war die Colton-McIntyre Route, eine klassische Eis und Felstour mit einer Länge von 1200 m (Eis bis 90°, M6, Fels bis V+/A0). Sie galt lange Zeit als die schwierigste kombinierte Tour in den Alpen, was mit der verbesserten Ausrüstung und bei guten Verhältnissen heutzutage nicht mehr ganz stimmt.
Der Zustieg zu dieser Wand fängt wie so oft in Chamonix mit einer Bahnfahrt an. Die Montenvers - Zahnradbahn brachte uns zum Mer de Glace Gletscher, wo wir noch 3 Stunden bis zur Leschaux Hütte mit Tourenski aufstiegen. Auf dieser kleinen aber feinen Biwakschachtel hat man einen grandiosen Ausblick zur Grandes Jorasses Nordwand, was uns sehr beim Routenstudium zugute kam.
Nach einer kurzen Nacht starteten wir um 1:30 morgens Richtung Nordwand. Nach einem nicht ganz einfachen Zustieg im Gletscherbruch erreichten wir um ca. 4:30 den Einstieg. Die Tourenski lässt man dort zurück, um möglichst wenig Gewicht durch die Wand tragen zu müssen.
Ab der ersten Randkluft gingen wir am laufenden Seil um möglichst viel Zeit zu sparen. Das Einstiegseisfeld war recht schnell überwunden, weiter ging’s durch ein enges und teilweise recht steiles Couloir.
Auch dort gute Bedingungen zum Eisklettern, schnell erreichten wir das zweite Eisfeld.
Diese Eisfelder zwischen den steilen Seillängen waren zwar nicht schwierig, aber meist recht blank und daher nicht unbedingt als Ausruhgelände geeignet. Nach diesem zweiten Eisfeld folgte die erste Schlüsselseillänge mit wenig Eis. Schwer aber machbar. Alex kletterte vor, als das Eis aufhört folgen 3 m A0, danach noch einige steile Meter mit schlecht absicherbarem Eis bis zu einem exponierten Stand. Die folgenden Seillängen waren wieder einigermaßen OK zum klettern. Wir erreichten das dritte Eisfeld, welches uns unter die Gipfelwand führte. Diese sah recht trocken aus, mit wenig Eis und brüchigem Fels. Schon in der ersten Seillänge verstiegen wir uns etwas, die nächsten Seillängen waren daher recht schwer und ziemlich brüchig. Nach einigen Stunden mit teilweiser recht heiklen Kletterstellen erreichten wir endlich den Walkerpfeiler, welcher uns zum Gipfel führte.
Nach 16 Stunden Kletterei standen wir um 21:00 endlich auf der Pointe Walker (4208m). Müde und geschafft, aber trotzdem überglücklich legten wir uns sofort in die Schlafsäcke und konnten eine halbwegs gemütliche Nacht mit ca. 40 cm Neuschnee am Gipfel verbringen. Der frisch gefallene Schnee und der Nebel am nächsten Tag bereiteten uns große Probleme die Route für den Abstieg auszumachen. Der Hubschrauber flog bei diesem Wetter auch nicht, also hatten wir keine andere Wahl und traten nach einigen Stunde des Wartens den Abstieg an. Drei frisch verschneite Gletscher und ein scharfer Schneegrat führten uns nach einigen interessanten und spannenden Momenten endlich zur Grandes Jorasses Hütte.
Das schwerste hatten wir hinter uns, am nächsten morgen noch der Abstieg ins Tal und sofort ein (bei einem blieb es dann nicht ;-) großes Bier auf die gelungene Tour.
Damit ging für uns beide ein kleiner Traum in Erfüllung!
Die Tourenski, welche wir am Einstieg zurückließen, holten in der Zwischenzeit dankenswerter weise Lu und sein Kolleg Vito. Thanks!! Beide waren ebenfalls in Chamonix und kletterten die Les Droites Nordwand (auch ein schwerer und langer Klassiker in Chamonix) Gratulation!
Mathi Stricker